Zeitgeist: wir konsumieren falsch und zu viel

7. April 2019 / 10:38
by Anna

Category: Zeitgeist

Auch ich bin in der Vergangenheit geflogen. Ich möchte diese Art des Reisens in Zukunft noch radikaler einschränken und Reisen wieder zu etwas Besonderem machen.

Wenn mich eines umtrieb in der letzten Zeit, dann die Frage, wie wir es schaffen, unseren Lebensraum, unseren Planeten, unsere Umwelt zu schützen. Ich bin dabei zu folgender Erkenntnis gekommen:

Wir werden es gar nicht schaffen.

Das hat viele Gründe. Einer ist sicherlich, dass der Mensch, obwohl er es im Grunde ja besser weiß, es trotzdem so gar nicht mag, aus seiner Komfortzone rauszukommen, dass der Mensch es gar nicht mag, zu verzichten, dass der Mensch es gar nicht mag, an etwas anderes zu denken außer an sich selbst und an die Mehrung von Dingen, von Macht und sicherlich auch von Bewunderung.

Was in unserer Gesellschaft und bei der Menschheit im Allgemeinen im Moment schiefläuft, ist so dermaßen allumfassend, dass es eines Buches bedürfen würde, um alles zusammenzufassen. Sicher kann man aber folgendes festhalten:

Die Menschen sind Profis darin, die Augen vor Tatsachen zu verschließen und einfach weiterzumachen. Nach mir die Sintflut.

Das fängt schon bei den alltäglichen, vermeintlich kleinen Dingen an, wie ein Einkauf im Supermarkt zum Beispiel. Diese sind vollgestopft mit billigem Fleisch, Fisch, Geflügel, Wurst, Milchprodukten, Früchten und Gemüse – teils aus aller Welt importiert und oftmals von zweifelhafter Qualität. Der aufgeklärte Westeuropäer weiß, dass zu viel Fleischkonsum sowohl für die Umwelt als auch für die eigene Gesundheit schädlich ist. Auch weiß er, dass viele der Tiere ein unwürdiges, qualvolles Leben fristeten, dass viele der Tiere mitunter im (EU-)Ausland von Niedriglöhnern verarbeitet wurden. Ich frage mich: Warum ist die Nachfrage nach solchen Produkten nach wie vor so hoch? Und überhaupt: Warum muss der Mensch ständig Zugang zu Fleisch haben und wie kann man Fleisch für unter einen Euro je hundert Gramm überhaupt essen? Vor einigen Jahrzehnten erst war es etwas besonderes, einmal in der Woche oder einmal im Monat einen Sonntagsbraten zu essen. Den Rest der Woche gab es Produkte aus der Gegend und sicherlich nicht Avocados und Goji-Beeren zum Frühstück.

Lieber regional und in Bioqualität als importiert. Im Moment bemühe ich mich auch um ein großes Stück Garten, denn ich möchte mich noch mehr selbst – in meiner knappen Freizeit – um eigenen Nahrungsanbau bemühen.

Das Gleiche gilt auch für Gemüse aus Südspanien, das gerne in Plastik eingeschweißt in unseren Supermärkten liegt. Wir wissen, dass es in Almeria viele Menschen gibt, die wie Sklaven in den Gewächshäusern arbeiten, die teilweise in slum-ähnlichen Gebieten rund um die Plantagen hausen. Viele sind Flüchtlinge aus Nordafrika, viele werden ausgebeutet und leben wie Tiere. Und das mitten in Europa. Dazu die enorme Belastung für die Umwelt: der hohe Wasserverbrauch ist das eine – dass die Planen der Gewächshäuser größtenteils aus Plastik bestehen und alle paar Jahre komplett erneuert werden müssen, das anderes. Viel davon landet im Meer. Und dass die Meere voller Plastikabfälle sind, wissen wir auch. Trotzdem: Unzählige Konsumgüter sind in Plastik verpackt. Ich habe im Supermarkt schon eine Plastikverpackung mit drei Scheiben Käse gesehen und war schockiert. Nun wird ALDI dafür gefeiert, dass zukünftig die Gurken nicht mehr verschweißt sind. Dabei frage ich mich: Warum bitteschön nur die Gurken??

Ich hatte das Glück, früher einmal ein so sauberes, schönes Meer (in Europa) zu finden.

Kleidung: Wer trägt schon einen Pulli länger als drei Jahre?

Auch was das Thema Kleidung betrifft, ist der Mensch Profi im Wegschauen und Verdrängen von Tatsachen. Der Großteil der Klamotten, auch im Hochpreissegment, wird von Menschen produziert, die teilweise wie Sklaven gehalten werden und so wenig verdienen, dass es manchmal nicht mal zum Leben reicht. Der Einsturz des Rana Plaza in Bangladesch vor einigen Jahren? Schon vergessen? Genau! Auch wird vergessen, wie die Umwelt, insbesondere in Asien, durch die skandalöse Entsorgung von giftigen Färbe- und Bleichmitteln direkt ins Abwasser und/oder in Flüsse zerstört wird. So lange man im PRIMARK für 1,50 EUR ein T-Shirt kaufen kann, um es nach einmal tragen wegzuschmeißen …

Konsum ist in unserer westlichen Gesellschaft nach wie vor allgegenwärtig und wichtig. Wenn es denn wenigstens nachhaltiger und guter Konsum wäre, den wir da betreiben. Trotz aller Aufklärung und Informationen über die Umstände, Qualität und Herkunft der Konsumgüter: Es wird weiter das Falsche konsumiert, als wäre das alles eine Lüge. Dem neuen Zero Waste- und Minimalismus-Trend, der im Moment die Runde macht, sehe ich auch skeptisch entgegen, denn: Wenn es hart auf hart kommt und an den wirklichen Komfort geht, knicken die meisten auch ein.

Bestes Beispiel, das mich sehr ärgert. Eine Bloggerin aus meiner Stadt hat in den letzten Monaten laut und regelmäßig kundgetan, dass sie nie wieder Plastik und nur noch Bio konsumiert. Die arme arme Umwelt will sie nicht mehr belasten. Gute Idee – die Umwelt zu schützen meine ich. Diese Bloggerin ist aber nun im Moment das zweite Mal innerhalt weniger Monate mit ihrer Familie im östlichsten Teil Asiens und zeigt immer gerne ihr Auflistung an Flügen bei Instagram (mittlerer dreistelliger Betrag, was ich allein genommen schon enorm finde), die sie schon in ihrem Leben getätigt hat. Sorry, aber mehr Inkonsequenz kann man doch nicht leben. Oder, Vorschlag: Man schweigt einfach mal eine Runde und tut ein bisschen Gutes in aller Stille, ohne Applaus für diese kleinen Taten, die ihre Wirkung sowieso sofort wieder verlieren bei so einer handhabe. Aber, wie oben schon angesprochen, liebt der Mensch ja die Bewunderung, egal wofür.

Ebenso verhält es sich mit einem weiteren Punkt, der mich persönlich mitunter am meisten betrübt: der Massentourismus.

Wisst ihr eigentlich, dass ich das erste mal in einem Flugzeug saß, als ich volljährig war? In meiner Kindheit und Jugend waren Freunde, die mit der Familie alle Jubel Jahre mal nach Mallorca in den Urlaub geflogen sind, die absolute Ausnahme. Für mich waren Leute, die schon mal in Rom, Paris, Moskau oder sogar in Afrika waren, wahre Exoten, die ich bewundert habe. Reisen war damals noch ein echtes Privileg und etwas unfassbar Besonderes. Fliegen? In einem Flugzeug? Wow! Bis heute habe ich persönlich nur fünf Fernreisen unternommen. Die meisten Urlaube waren innerhalb Europas. Und bis heute habe ich mir – vielleicht weil ich es nicht anders kenne – eines bewahrt: Reisen ist für mich nach wie vor etwas ganz ganz Besonderes und keine Selbstverständlichkeit.

Nur zwei Dekaden später scheint das ständige Reisen ein Menschenrecht geworden zu sein: Diesen Monat zum Junggesellenabschied nach Ibiza, nächsten Monat mit dem Flieger zum Shoppen nach New York und im Frühjahr dann nach Bali zum Relaxen. Jeder ist unterwegs, kreuz und quer über den Planeten.

In meinem Umfeld und erweiterten Bekanntenkreis ist das ständige und mitunter auch kurze Reisen (mit dem Flugzeug), total normal. Dabei müssten wir es doch auch hier besser wissen: Fliegen ist das für die Umwelt schädlichste Reisemittel – neben den Kreuzfahrtriesen. Ich frage mich, warum nach wie vor Flugstrecken angeboten werden, die man viel schneller und umweltschonender mit dem Zug erreichen könnte? Die Strecke Frankfurt-München zum Beispiel. Warum gibt es für diese Strecke eine Flugverbindung, wenn man doch viel schneller mit dem ICE nach München kommen könnte? Oder Frankfurt-Hamburg, Frankfurt-Amsterdam, Frankfurt-Brüssel, Frankfurt-Paris (3:40 Stunden mit dem Zug, bin ich schon oft gefahren) Frankfurt-Düsseldorf, Frankfurt-Hannover

Was eine Streichung dieser Verbindungen allein schon für eine enorme Entlastung für die Umwelt und auch die Menschen wäre …

Spinnen wir denn alle, dass wir das zulassen, spinnen die Menschen, dass sie für solche Strecken in ein umweltschädliches Flugzeug steigen? Was sind das für Menschen, die sich für einen Flug und gegen den Zug entscheiden, obwohl sie es doch einfacher haben könnten und eigentlich besser wissen müssten? Muss man wegen jeder geschäftlichen Besprechung persönlich irgendwo auftauchen? Ich habe früher selbst Geschäftsreisen nach Berlin und Amsterdam unternehmen müssen, die man – nun bin ich schlauer – genauso gut per Facetime hätte abwickeln können.

Ich lebe in der Einflugschneise des Frankfurter Flughafens und gebe ehrlich zu: Ich hasse es zu fliegen. Und das nicht nur, weil ich den Vorgang in der Maschine an sich nicht mag. Ich mag die Menschenmassen am Flughafen nicht. Es ist überall so voll, auch ein bisschen ekelig.

Ich mag auch nicht das ewige Warten an den Sicherheitskontrollen, eingepfercht wie Vieh. Im Vergangenen Jahr hatte ich eine wirklich unangenehme Erfahrung beim Versuch, mit meiner Familie eine Maschine nach England zu erreichen. Es war so unglaublich eng und voll und für uns, mit zwei kleinen Kindern, eine unglaubliche Anstrengung und Qual. Ich stand kurz vor einem Nervenkollaps. Damals fiel die Entscheidung: Großer Englandurlaub? Nie wieder mit dem Flugzeug. 2019 einen Familienurlaub mit dem Flugzeug? Nein. Das Fliegen wird bei uns die Ausnahme sein.

Ich mag außerdem nicht die Ungewissheit bei einer Flugreise: Passiert heute wieder was? Fliegt vielleicht eine Drohne oder huscht jemand unkontrolliert in den Sicherheitsbereich, gibt es einen Software-Fehler bei der Flugsicherung und wird dadurch der Flughafen wieder lahmgelegt? Wird es Flugausfälle geben? Was passiert dann? Es sind ja immer gleich tausende Menschen gleichzeitig betroffen.

Auch viele Reiseziele leiden unter dem Ansturm der Reisewütigen. Barcelona, Mallorca, um nur zwei Beispiele zu nennen, sind für mich Orte geworden, denen man dringend eine Verschnaufpause gönnen sollte und die ich unter Garantie nicht noch einmal bereisen werde (ich war im März 2007 einmal auf Mallorca sowie 2013 in Barcelona). Viele deutsche Urlauber wissen das. Aber hach, einmal im Jahr Malle muss trotzdem sein. Egal, ob das nun gut ist oder nicht. Sollen doch die anderen mal weg bleiben.

Wir Menschen waren noch nie so schlau wie im Jahr 2019.
Wir Menschen waren noch nie so ignorant wie im Jahr 2019. Mich betrübt das enorm.


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