Wundersame Rauhnächte

29. Dezember 2020 / 13:42
by Admin

Category: Zeitgeist

Diesen Artikel widme ich allen, die mich in der jüngsten Vergangenheit gefragt haben, was es mit den Rauhnächten denn so auf sich hat.

Gestern im Taunus

Die Weihnachtstage liegen hinter uns und wir befinden uns in der Zeit zwischen den Jahren: Das alte Jahr ist so gut wie vorbei, das neue steht kurz bevor. Noch vor wenigen Tagen haben wir die Wintersonnenwende erlebt. Die Tage werden nun wieder länger und heller. Dennoch: Wir befinden uns in einer Zeit des Übergangs, der Stille und der inneren Einkehr. Auch die Natur scheint stillzustehen. Man kann Bilanz ziehen, man darf ausruhen. Die hektische, schnelllebige, moderne Welt, in der es oft darum geht, immer erreichbar zu sein, zu funktionieren, zu leisten, zu konsumieren, fährt besonders in dieser Niemandszeit herunter.

Aber was sind nun die Rauhnächte?

Ein Spaziergang durch den Wald, auch bei Nebel oder Regen, ist auch außerhalb
der Rauhnächte eine schöne Sache, um sich zu erden und dem Alltagsstress zu entgehen.

Eine meiner ältesten Freundinnen hat vor einiger Zeit etwas zu mir gesagt, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht: „Die Menschen leben nicht mehr artgerecht. Sie haben den Bezug zum Ursprünglichen, zur Natur, zum Kosmos, zum Wunder des Lebens völlig verloren.“

Die zwölf Rauhnächte, die – je nach Region – unmittelbar nach Heiligabend beginnen und am Dreikönigstag enden, sind eine Einladung, diese Wunder, dieses Ursprüngliche, die Natur und den Blick für die Nuancen dazwischen zu schärfen und sich bewusst zu machen. Sie setzen sich aus dem Zyklus des Sonnen- und des Mondjahrs zusammen. In früherer Zeit rechneten die Germanen ein Sonnenjahr von Wintersonnenwende zu Wintersonnenwende. Das Sonnenjahr dauert bekanntermaßen 365 Tage. So lange braucht die Erde, um einmal um die Sonne zu ziehen. In einem Sonnenjahr schafft es der Mond, etwa zwölf Mal um die Erde zu kreisen. Dafür braucht er 354 Tage. Aus der Differenz dieser beiden Zyklen ergeben sich elf Tage und zwölf Nächte, die Rauhnächte.

Heute sind besonders im Alpenraum noch viele alte Bräuche tief verwurzelt. Aber auch handelsübliche Rituale wie das Bleigießen an Silvester haben ihren Ursprung in den Rauhnächten. Und wer kennt nicht den Spruch von der Oma, dass man doch zwischen den Jahren auf keinen Fall Wäsche waschen und aufhängen sollte?

Auch die Natur scheint Stillzustehen. Dieses Bild habe ich gestern im Taunus aufgenommen.

Wo genau der Ursprung der Rauhnächte liegt, ist jedoch nicht vollends überliefert. Sicher ist, dass er viele Jahrhunderte zurückreicht in eine Zeit, in der Naturphänome oftmals nicht zu erklären waren und es – aus Mangel an Licht – ziemlich düster und mitunter furchteinflößend war. Der Aberglaube besagt(e), dass der Schleicher zwischen der dies- und der jenseitigen Welt durchlässig ist, dass man in dieser Zeit leicht(er) Kontakt zu seinen Ahnen und zu Geistern aufnehmen kann. Auch verschiedene Orakel verheißen uns, was das neue Jahr bringen wird.

Rituale – das Räuchern
Ich werde nie vergessen, wie skeptisch mich mein Mann (und sicherlich auch die Nachbarn hinter den zugezogenen Gardinen) beäugt haben, als ich erstmals im und um das Haus geräuchert habe. Dazu habe ich Weihrauch und selbst angebaute beziehungsweise geerntete Kräuter wie Salbei, Rosmarin oder Johanniskraut verwendet. Mit einer Feder kann man den Rauch verteilen. Der Ursprung in diesem Ritual liegt unter anderem darin, das Zuhause von schlechter Energie sowie vor bösen Geistern und ansteckenden Krankheiten zu schützen. Noch heute ist es in Süddeutschland und in der Alpenregion verbreitet, die Ställe auszuräuchern (damit kein Geist die Tiere erschreckt beziehungsweise diese nicht krank werden – früher war das überlebenswichtig). Auch hänge ich gerne Rosmarin- und Salbei-Büschel zum Schutz vor bösen Einflüssen an den Zaun.

Weihrauch – zu viel davon bekommt nicht jeder Nase, ist aber ein Klassiker.
Schon im Frühling und Sommer trockne ich regelmäßig meine Kräuter
In meinen Gläser verwahre ich Kräuter, aber auch Federn, Zapfen und andere Naturalien

Träume deuten
Ein weiterer Brauch ist das Deuten der eigenen Träume. Dazu schreibt man nach jeder Nacht auf, was man geträumt hat. Es heißt, dass die erste Rauhnacht für den Januar steht, die zweite Nacht für den Februar und so weiter. Dazu muss man natürlich schnell sein. Jeder kennt das: Während des Schlafes ist alles, was unterbewusst abläuft, sehr lebhaft und präsent, aber sobald man aufgewacht ist, fällt es sehr schwer, sich an die Details zu erinnern. Daher mein Tipp: Ein Notizbuch und einen Stift neben dem Bett platzieren und direkt nach dem Aufwachen notieren, was man geträumt hat.

Getrocknete >>Schutz<<-Kräuter

Meditation
Die Rauhnächte laden zu innerer Einkehr ein. Anfangs fällt es oftmals sehr schwer, das Gedankenkarussell zum Stehen zu bringen und Ruhe zu finden. Aber Übung macht den Meister. Ein stiller Ort, ein ausgeschaltetes Smartphone oder der Flugmodus (ist ohnehin sehr empfehlenswert) und eine bequeme Sitz- oder Liegeposition helfen, sich zu erden und seine Mitte zu finden. Ich persönlich höre gerne geführte Meditationen wie zum Beispiel Moment Mal (bei Spotify) oder BamBu. Auch abseits der Rauhnächte hat mir das Meditieren sehr geholfen, meinen eigenen Blick auf die Dinge und mein Körperbewusstsein zu schärfen. Ich wünschte, ich hätte das Meditieren früher für mich entdeckt. Es hilft und half mir ungemein, mit (sinnlosem, menschengemachten) Stress gut umzugehen beziehungsweise diesen gar nicht erst an mich heranzulassen.

Orakeln
Wie oben bereits erwähnt ist das Bleigießen eine beliebte Tradition am Silvesterabend. Aber um einen Blick in die eigene Zukunft zu wagen, kann man auch andere Methoden anwenden. Da wäre zum Beispiel das Lesen aus dem Kaffeesatz oder das Werfen von (selbstgebastelten) Runen, das Wetterlesen während der zwölf Rauhnächte, das Pendeln, das Schneiden von Barbarazweigen (das bereits am 4. Dezember erfolgen muss) oder das Legen von Tarot- oder Lenormandkarten. Eine sehr alte Tradition hat das Feuerorakel. Wer einen Kamin oder eine Feuerstelle hat, der kann sich davor platzieren und dem Feuer eine Frage stellen. Dann schließt man die Augen und kehrt einen Moment in sich ein. Anschließend öffnet man die Augen wieder und schaut, was die Flammen visualisieren.

Glücksgläschen bestücken
Ein kleiner Glücksbringer für das neue Jahr (insbesondere das kommende) kann doch nicht schaden. Man nehme dazu ein kleines Gläschen mit Korkverschluss (gibt es in jedem gut sortieren Bastelgeschäft) und befüllt es mit Glücks- und Schutzkräutern wie Salbei, Basilikum, Rosmarin, Johanniskraut, Ringelblumen oder Eisenkraut sowie Salz und ein paar Mineralien und Edelsteinsplittern wie Amethyst, Moosachat, Türkis, Turmalin, Citrin, Bergkristall und so weiter (es gibt hunderte…). Dann verschließt man das Fläschchen und versieglt es mit Kerzenwachs.

Wünsche an das Universum
Gleich zwei Freundinnen haben mir kürzlich berichtet, dass sie Wünsche für jede Rauhnacht auf einen Zettel geschrieben haben, um dann jeden Tag einen davon zu verbrennen. Eine schöne Idee.

Es gibt natürlich noch viele weitere Bräuche, Mythen und Geschichten. Wer weiter in die Tiefe gehen möchte, dem empfehle ich zwei Bücher:

• Das Wunder der Rauhnächte von Valentin Kirschgruber
sowie
• Rauhnächte – Die geheimnisvolle Zeit zwischen den Jahren von Elfie Courtenay