Zeitgeist: Ich hab`s satt!

10. Januar 2017 / 10:29
by Anna

Category: Zeitgeist

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Wenn mich eine Sache in letzter Zeit genervt hat, dann die Diskussion über die Frage, was wir essen. In den Medien, auf den Social Media-Kanälen, auf Blogs oder im Freundes- und Bekanntenkreis: Irgendwer braucht immer eine Extra-Wurst oder macht aus seiner Ernährung eine Ersatz-Religion oder Wissenschaft. Für andere Leute zu kochen wird immer anstrengender, mit anderen Leute essen zu gehen ist anstrengend.


Austernverkauf in Paris.

… Verrückt, was es nicht alles gibt heutzutage: Vegetarier, Flexitarier, Frutarier, Veganer. Und ständig wird eine neue Sau durch`s Dort getrieben. Laktoseintoleranz, glutenfreie Ernährung, Steinzeitessen, zuckerfreie Ernährung, ungekochte Nahrung – und gefühlt hat plötzlich jeder Mensch eine Unverträglichkeit? Wenn das nicht ausgewachsene Erste-Welt-Probleme sind.

Für mich zeigt diese Thematisierung, dass viele Menschen so langsam die Bodenhaftung verlieren, sich über ihre Ernährung profilieren und definieren wollen und – das Allerwichtigste – vergessen haben, wie froh und dankbar sie sein müssten, immer genügend Lebensmittel unbegrenzt zur Auswahl zu haben. Es mag abgedroschen klingen, aber ich denke mir das jedes Mal, wenn ich dieses Debatten höre. Außerdem sollten wir nicht vergessen, dass es auch bei uns in Deutschland, in Brennpunkt-Stadtteilen in Berlin, bei uns in Frankfurt, Offenbach, Bremen, im Ruhrpott oder sonst wo viele Kinder gibt, die morgens nichts zu essen bekommen, hungrig in die Schule gehen und auf warme, gestiftete Mittagessen angewiesen sind. Kinder in Deutschland! Was weltweit los ist, darüber brauchen wir ja gar nicht erst anfangen nachzudenken.

Mich erschüttert es zutiefst, wenn ich durch meine Stadt gehe und die lange Schlange bei der TAFEL sehe. Diese Unterstützung ist für viele der einzige Weg, einmal am Tag eine warme Mahlzeit zu bekommen. Und dann verstehe ich im Umkehrschluss die Menschen einfach nicht, die sich ein, zwei Straßen weiter in ein veganes Restaurant setzen und sich verrückt machen wegen der Frage, ob in ihrer Bowl auch wirklich keine tierische Gelatine oder glutenverseuchtes Mehl drinne ist.


Schlemmen im Elsass.

Aber worum geht es den Menschen in den reichen Industrieländern?
Meine bescheidene Vermutung ist ja, dass insbesondere dieser Gesund-Vegan-Trend ein urbanes Phänomen gutverdienender, oft kinderloser Akademiker ist, deren Welt sich um die eigene Optimierung dreht. Spannend auch, dass bestimmte In-Viertel in Berlin oder anderen großen (deutschen) Städten sich mit Healthy-Hotspots überbieten. Der Drang ein gesundes Leben in einer ungesunden Umgebung zu führen? Der Drang, besser, vermeintlich gesünder, leistungsfähriger zu sein als die große Konkurrenz da draußen? Vielleicht auch der Wunsch nach Unsterblichkeit? Ich glaube nicht, dass es den veganen Gesundheitsfanatikern wirklich nur um die geschlachteten Tiere oder die Umwelt geht – letzter Punkt im Übrigen ein häufig genanntes Argument von Medienprofi Attila Hildmann, der in jeder Talkshow gebetsmühlenartig seine Zahlen runterrattert und uns erklärt, wie schlimm das Pupsen der Kühe und der Wasserverbrauch für die Tierzucht ist. Kopfschütteln meinerseits dann beim Betrachten von Fotos seines lederbezogenen Porsches (Top-Umwelt-Bilanz, Herr Hildmann).


Schlemmen in Portugal.

Aber seien wir mal ehrlich: Durch vegane Ernährung retten wir nicht die Welt,
denn das pflanzliche und regionale Angebot ist hier in Deutschland insbesondere im Winter ja nun doch sehr beschränkt. Dann in der Konsequenz auf Trendnahrungsmittel und Superfoods wie Chia-Samen, Goji-Beeren, Mangos oder Avocados zu setzen finde ich genauso schwachsinnig.
Der Anbau: fragwürdig. Der Import: von weither eingeflogen. Der Gesundheitsfaktor: zumindest bei den Superfoods nicht erwiesen.

Dann esse ich doch lieber Mozzarella aus RheinMains berühmtester Käserei L`Abbate, der frisch aus Bio-Milch hergestellt wird und einfach fantastisch schmeckt. Dann esse ich doch lieber Eier von einem kleinen Hofladen in meinem Stadtteil. Dann trinke ich doch lieber Milch von freilaufenden Kühen aus der Region. Dann kaufe ich doch lieber ab und zu einen Fisch bei Burkards. Und ganz wichtig: Ich gönne mir auch mal einen Kaiserschmarren, hergestellt aus Mehl (böse Gluten, böse Kohlehydrate), Puderzucker (böser, böser, böööser Zucker) Milch (böse, da von armen Küchen) und Eiern (böse, da von armen Hühnern). Der bringt mich nicht um, im Gegenteil! Ab und zu mal ein solches Gericht zu essen macht doch gute Laune. Natürlich achte ich darauf, dass wir gesunde und gute Sachen essen. Dazu gehört aber auch, dass es ab und zu Fisch gibt, oder Milchprodukte, oder auch mal Hühnchen, oder eben auch mal Österreichs Nationalnachspeise! Eines möchte ich aber betonen: Freisprechen will ich mich an dieser Stelle natürlich nicht davon, dass ich nie importierte Lebensmittel esse. Kichererbsen und Datteln gehören zu den Sachen, die ich ab und an wirklich gerne esse. Aber halt in Maßen.


Currywurst-Orgie in Berlin.

Gesund sein, wenig Fleisch und viel regional essen, gute Produkte konsumieren und auch mal aus der Reihe tanzen!
Das ist meine Einstellung dazu. Dass Veganer gesünder leben als Menschen, die dieser These folgen, darf sicherlich bezweifelt werden. Und das Argument „Gesund und regional einkaufen kann ich mir nicht leisten“ ist doch auch nicht richtig. Wer eine gute Wochenplanung hat, weiß, wann welches Gericht gekocht wird (kocht vielleicht auch für zwei Tage), wer sich in seiner Umgebung umschaut nach kleinen (Hof)Läden, im Supermarkt auf das Herstellungsland achtet oder im Discounter auf Bio-Produkte zurückgreift, der spart Geld und ernährt sich trotzdem gesund. Wer zudem einen Balkon, eine Fensterbank oder vielleicht sogar ein Stück Garten hat, kann im Kleinen auch schon etwas Gutes für sich, seinen Geldbeutel und seine Gesundheit tun, nämlich indem er Kräuter oder Tomaten selbst anbaut. Ist wirklich nicht aufwendig, ich mache das seit Jahren und habe großen Spaß dabei.


Produkte aus Ziegenmilch von glücklichen Ziegen vom Hof Matzen.

Essen ist für mich Kultur – und die meisten Kulturen leben nicht Vegan, gluten- und zuckerfrei.
Und hier sind wir auch schon beim letzten Punkt meines heutigen Artikels angekommen. Ich kann mich schon allein deswegen keinem Ernährungskonzept unterwerden, weil ich mich auf Reisen einfach uneingeschränkt durch alle möglichen Gerichte durchprobieren möchte. In Paris auf Austern, Mouse au chocolat oder üppige Hauptspeisen aus tierischen Produkten verzichten? An der Algarve oder auf Sylt keinen Fisch essen? In Thailand nur gedünstetes Gemüse probieren? In Italien Parmaschinken, Riccotta und Pecorino links liegen lassen? Wie schade wäre das?

Mehr sei dem nicht hinzuzufügen, außer, dass ich lieber fünf Jahre kürzer lebe, dafür aber bewusst und vor allem spannend gegessen habe. :-)


Und hierauf möchte ich niemals verzichten: Käse!

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